Bauchwandbrüche (Hernien) - das tägliche Brot des Chirurgen

Definition

Eingeweide- oder Bauchwandbrüche werden von den Medizinern Hernien genannt. Es handelt sich dabei um Lücken oder Löcher in der Bauchwand, durch die Eingeweide nach aussen treten. Dies geschieht vornehmlich an angeborenen Schwachstellen (Bauchnabel, Leiste), wenn der innere Bauchdruck steigt. Auslöser ist die Anspannung der Bauchmuskeln z.B. beim Gewichtheben oder Pressen auf der Toilette. Der Bauch verhält sich dann etwa so wie ein zusammengedrücktes Sandwich, bei dem die Mayonnaise zur Seite herausquillt. Eine Hernie macht sich durch eine Beule unter der Haut oder Schmerzen bemerkbar.

Ursache, Entstehung, Formen

Hernien sind häufig in der Leiste oder im Bauchnabel, weil hier eine Verbindung der Bauchhöhle nach aussen besteht (Samenstrang) oder bestand (Nabelschnur). Die Leistenbrüche beim Mann sind das häufigste Beispiel. Diese können im Laufe der Jahre bis in den Hodensack wandern. Manchmal findet man ältere Herrschaften, die das seit Jahren mit sich herumtragen und kaum etwas davon bemerken. Sie kaufen sich einfach immer grössere Hosen. Aber die Bauchwand kann prinzipiell überall löchrig und schwach werden, weil das Bindegewebe mit dem Alter an Elastizität und Spannkraft verliert und durchlässig wird: rechts, links, oben, unten, nach innen oder aussen. Sogar in den Brustkorb können Hernien hochdrücken (Hiatushernie). Diese verursachen saures Aufstossen, weil der Magen dann zur Speiseröhre nicht mehr dicht ist und Säuregeschmack emporsteigt. Auch Chirurgen können Löcher verursachen, wenn sie den Bauch aus anderen Gründen aufschneiden müssen, Blinddarm oder Gallenblase entfernen und der Zugang nicht mehr fest zuwächst.

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Symptome, Beschwerden

So ein Loch mit Eingeweide-Inhalt kann harmlos sein und im Liegen wieder zurückfallen. Der Inhalt kann aber auch einklemmen und schmerzen ("inkarzerierte Hernie"). Am schlimmsten wird es, wenn Darm abgeklemmt und der Nahrungsdurchfluss unterbrochen ist. Dann entsteht ein Darmverschluss und der abgewürgte Darmabschnitt kann sogar absterben. Diese Situation muss sofort operiert werden oder endet tödlich.

Behandlung, Naht

Um einen Leistenbruch zu verschliessen, gibt es verschiedene Methoden, abhängig von seiner Grösse. Ein kleines Loch kann man einfach zunähen (< 2 cm Durchmesser). Man muss aber eine Doppelung der Bauchwand vornehmen und der Faden darf nicht auflösbar sein, sonst kommt es bald zu Rückfällen und der Patient landet nach einigen Monaten wieder auf dem Operationstisch. Die Naht eines Eingeweidebruches ist eine häufige Operation in der Chirurgie, aber bei weitem nicht die einfachste. Die Bauchwand ist nämlich nicht an allen Orten gleich aufgebaut. Seitlich besteht sie aus drei Muskelschichten, die quer zueinander verlaufen. Die Kunst ist es, diese wieder so zu sortieren, dass das Loch lebenslang zu bleibt ohne Spannung zu verursachen.

Verschluss mit Netzen

Grosse Löcher muss man mit Kunststoffnetzen verschliessen. Diese wachsen in die Bauchwand ein und verhindern ein erneutes Aufplatzen. Man kann diese Netze von innen oder von aussen aufnähen und erhält hohe Festigkeit. Wie man es macht ist mehr oder weniger egal, wenn die Netze nur stabil und lückenlos mit der Umgebung verwachsen. Netze sollten weder mit dem Darm, noch direkt mit der Haut in Verbindung kommen, weil es Kunstmaterial ist. Es kann den Darm verletzen oder durch die Haut scheuern. Daher ist es am besten, sie zwischen die verschiedenen Bauchwandschichten zu schieben. Weil die Schichten an allen Orten unterschiedlich aufgebaut sind, ist dies eine Wissenschaft für sich, die ganze Bücher füllt.

Schlüsselloch-Operation (Laparoskopie)

Um sichtbare Narben nach aussen zu vermeiden, können zusammengerollte Netze mit langen Zangen unter Haut und Muskeln versenkt werden (Schlüsselloch-Methode). Am vorgesehenen Ort werden sie entfaltet und mit Klammern festgetackert. Der Vorteil liegt erstens im besseren kosmetischen Resultat. Zweitens treten danach weniger Schmerzen auf, weil Haut und Muskeln nicht mit langen Schnitten durchtrennt werden müssen. Die Operation ist anspruchsvoll und braucht viel Erfahrung. Langfristig gesehen ist sie am Ende gleich gut wie die offene Operation. Das haben viele Untersuchungen gezeigt.

Kosten der Operation, ambulant versus stationär

Seit 2018 darf eine Leistenbruchoperation in der Schweiz nur noch ambulant durchgeführt werden. Das entlastet die Krankenversicherung, weil nur noch technische Leistung, Material und Arzthonorar zu Buche schlagen. Die Erfahrung der jüngsten Vergangenheit zeigt jedoch leider, dass viele Patienten mit Schmerzen, Selbst- und Wundversorgung überfordert sind, weil sie schon wenige Stunden nach einer mittelschweren Operation nach Hause geschickt werden ("blutige Entlassung"). Leider hat sich die Politik hier auf Kosten der Versorgungsqualität zugunsten der Ökonomie entschieden.

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